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Zur Sache: Jugendgewalt
Eine prominente Stimme für die Opfer
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Zur Sache: Jugendgewalt – Wo hakt es bei Behörden, Justiz und Jugendhilfe?
als Vertreter einer Organisation, die sich um die Opfer von Kriminalität und Gewalt kümmert, liegt mir am Herzen, fünf Aspekte anzusprechen.
1)
Wir diskutieren ein besorgniserregendes kriminal- und gesellschaftspolitisch Thema - die Jugendgewalt. Warum besorgniserregend? Weil die von jungen Tätern im öffentlichen Raum verübten Gewalttaten von einer erschreckenden Brutalität, Unbarmherzigkeit, ja Menschenverachtung, gekennzeichnet sind.
Wenn wir uns mit diesen Gewaltexzessen auseinandersetzen, reden wir ausführlich über die Täter, ihre Motive, ihre kriminellen Karrieren und über die Konsequenzen in der Kriminalitätsbekämpfung. Weniger intensiv reden wir über die Opfer, deren psychische Traumata, deren Leid, deren bedrückende Lebenssituation.
Nach der tödlichen Messerattacke am Jungfernstieg haben sich vier Senatoren – das ist wirklich ein Novum - in einer umfangreichen Presseerklärung zu den Konsequenzen aus diesem Fall erklärt. In keiner Zeile der dreiseitigen Erklärung findet sich das Wort „Opfer“.
2)
Die Viktimisierung (Opferwerdung) hat prinzipiell dasselbe Ausmaß wie die Kriminalität, ist aber nicht so gegenwärtig, geschweige denn allgegenwärtig wie diese. Kriminalitätsbegehung und Opferwerdung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Zumeist befassen wir uns nur mit einer Seite – und das ist nicht die des Opfers.
Opfer zu sein ist offenkundig ein Stigma – wie anders ist die zwiespältige Einstellung der meisten Menschen gegenüber einem Kriminalitätsopfer zu verstehen? Der Begriff „Opfer“ assoziiert nicht selten Niederlage, Schwäche, Verlust, Blamage, Ausschluss.
In unserer Gesellschaft ist eine „Winner-Loser-Mentalität“ verbreitet, die schon die Kinder in Kita und Schule verinnerlicht haben. Sie läuft faktisch auf die Heroisierung des Winners hinaus und diskriminiert den Loser als Opfer.
„Du Opfer“ ist ein bei Kindern und Jugendlichen gebräuchliches Schimpfwort. Dass der Winner oft der Täter und der Loser sein Opfer ist, scheint vielen gar nicht bewusst zu sein.
Nicht zuletzt aus diesem Grund brauchen wir eine neue Verhaltenethik, die sich mit der Problematik der Opfer auseinander setzt. Das ist auch deshalb wichtig, weil wir keine Kultur des Umganges mit dem Kriminalitätsopfer haben.
3)
Wir müssen uns nachdrücklicher fragen, woher diese – schon gar nicht mehr so neue - Qualität der Gewalt kommt und was in unserer Gesellschaft offenkundig schief läuft. Wenn es zu Gewalttatexzessen junger Täter kommt, wenn Polizei und Justiz auf den Plan treten, sind schon viele Sicherungen durchgebrannt.
Wo war das notwendige frühzeitige Eingreifen im familiären und sozialen Umfeld der Täter?
Die brutalsten jungen Gewalttäter waren schon in ihrer frühen Kindheit häufig selbst Opfer von Gewalt. Sie wurden als Kleinkinder geprügelt, misshandelt und vernachlässigt, sie haben keine Zuneigung, keine emotionale Zuwendung erfahren.
Die erlebten und verinnerlichten Gewaltmuster sind dann nicht selten zum Maßstab eigenen Handelns geworden – was nichts entschuldigt, aber vieles erklärt.
4)
Die Kriminalprävention muss einen höheren Stellenwert erhalten. "Vorbeugung der beste Opferschutz“. Leider spielt aber die Kriminalitätsvorbeugung gegenüber der Strafverfolgung eine sehr untergeordnete Rolle.
Prävention braucht Zeit und Nachhaltigkeit, schnelle Erfolge sind nicht zu erwarten, Niederlagen einzukalkulieren. Investitionen auf dem Gebiet der Strafverfolgung scheinen vordergründig wirksamer und interessanter zu sein.
Besonders desillusionierend ist der Umstand, dass wir im Grunde genommen alle wesentlichen Entstehungsbedingungen von abweichendem Verhalten und Kriminalität kennen, aber eben nicht die Ursachen, sondern hauptsächlich die Erscheinungsformen bekämpfen.
Es ist dringend erforderlich, die Opferseite stärker zu berücksichtigen. Alle Bekämpfungsmaßnahmen, -konzepte und -strategien müssen neben der Täter- auch die Opferperspektive im Blick haben.
Konkret heißt das, dass jede Maßnahme des Senatskonzepts „Handeln gegen Jugendgewalt“ immer auch gegen die Opferperspektive gespiegelt werden muss. Das ist nicht nur kriminalpolitisch geboten, sondern wäre auch ein wichtiges Bekenntnis für mehr Opferempathie und ein wesentlicher Beitrag zum Opferschutz.
5)
Wenn wir vom Opfer sprechen, meinen wir in erster Linie das unmittelbare Tatopfer.
Sollte in eine Familie die Vergewaltigung der 16-jährigen Tochter einschlagen, gibt es nicht nur ein Opfer. Betroffen sind auch Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde, Mitschüler, Nachbarn. Vor allem die nahen Angehörigen und Freunde sind durch das an der Tochter, der Schwester, der Enkelin, der Freundin verübte Verbrechen zumeist tief getroffen, traumatisiert und aus dem Gleichgewicht geworfen. Ihr Leben gerät augenblicklich aus den Fugen, ihre bisherige Welt stürzt ein. Ihre psychische Traumatisierung ist immens. Häufig leiden diese Betroffenen stärker unter der Tat als viele unmittelbare Tatopfer.
Unsere Fokussierung auf das unmittelbare Tatopfer ist zu eng. Sie muss auch auf die Problematik der mittelbaren (Gewalt-) Opfer gerichtet werden. Nur dann wird man der Situation der von Gewalt und Kriminalität betroffenen Menschen gerecht.
Wolfgang Sielaff
WEISSER RING Hamburg
Juni 2010
Eine prominente Stimme für die Opfer
Eine prominente Stimme für die Opfer
Dr. Heiko Raabe, Amtsgerichtspräsident a.D. ist jetzt Mitglied im WEISSEN RING
Der WEISSE RING ist erfreut und stolz. Erneut verstärkt ein prominenter Hamburger Deutschlands größte Opferhilfeorganisation:
Dr. Heiko Raabe, bis 2008 Präsident des Amtsgerichts Hamburg, ist in den WEISSEN RING eingetreten. Jetzt erhielt er vom Landesvorsitzenden Wolfgang Sielaff seinen Mitgliedsausweis (ein digitales Foto ist abrufbar). Nach Peter Deutschland, dem ehemaligen Landeschef des DGB-Nord, verzeichnet der WEISSE RING damit einen weiteren prominenten Neuzugang.

Dr. Heiko Raabe:
„Die Betreuung und Begleitung von Opfern ist eine sozial- und gesellschaftspolitische Aufgabe von großer Bedeutung. Diese Aufgabe ist für mich insbesondere interessant und wichtig, da ich mich während meines Berufslebens als Strafrichter in erster Linie mit den Tätern beschäftigt habe. Mein besonderes Augenmerk möchte ich auf das ständig wachsende Problem ’Jugendgewalt und Prävention’ richten.“
In der Landesorganisation wird die Mitgliedschaft Dr. Raabes besonders hoch eingeschätzt, weil sich mit ihm ein erfahrener und kompetenter Richter der Arbeit für die Opfer von Kriminalität und Gewalt verschreibt. Fälle schwerster Gewaltkriminalität, wie jetzt am Jungfernstieg geschehen, zeigen einmal mehr drastisch auf, wie wichtig der Opferschutz ist.
Wolfgang Sielaff:
„Herr Dr. Raabe ist ein Gewinn für den WEISSEN RING. Einmal mehr setzt ein prominenter Hamburger ein Zeichen gegen Gewalt und für die Kriminalitätsopfer in unserer Gesellschaft. Ganz besonders freue ich mich darüber, dass mit Herrn Dr. Raabe ein prominenter Hamburger Jurist seine vielfältigen richterlichen Erfahrungen in die Arbeit für die Opfer einbringen wird.“
Dr. Heiko Raabe war 35 Jahre im Dienst der Hamburger Justiz, die letzten neun Jahre als Präsident des Amtsgerichts Hamburg, dem – nach Berlin - zweitgrößten Amtsgericht Deutschlands. Unter seiner Leitung arbeiteten 1600 Mitarbeiter, darunter 280 Richter.
Text/Foto: Lutz Jaffé WEISSER RING













